Eva und Borchert


Foto: © Thomas Menzel


Der feine Faden einer Beziehung

So wird der Raum anschaulich: "Eva und Borchert" des Bildhauers

Karl Bobek vor dem Neuen Rathaus in Emmendingen

Zwei Figuren, doch kein Paar. Dafür stehen „Eva und Borchert" - so der Titel der Plastik von Karl Bobek, die derzeit auf dem Rathausplatz in Emmendingen aufgestellt ist - zu weit voneinander entfernt: die Frau ein wenig seitlich versetzt ein paar Meter vor dem Mann, mit dem Rücken zu ihm. Und doch webt, der Titel legt die Deutung nahe, der feine Faden einer Beziehung zwischen ihnen. Irgendein Geheimnis ist um Eva und Borchert

Ohne den Titel freilich könnte man in der Plastik eine x-beliebige Straßenszene erblicken. Ein Bahnsteig, eine Haltestelle, zwei Wartende. Kalt scheint es zu sein, die Frau trägt einen vom Wind leicht bewegten Mantel und Boots. Der Mann hat Parka und Stiefel an. Wie sich junge Menschen 1979, im Entstehungsjahr des Werks, eben kleiden.
Doch der Titel durchkreuzt die Lesart „anonyme Straßenszene". Indem er, Namen nennend, die Figuren aufeinander bezieht und so den Blick des Betrachters determiniert (besser noch: die Blicke, denn die Figuren wollen umgangen, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet sein), eröffnet er gleichzeitig ein Feld der Vieldeutigkeit und der Fragen. Welcher Art ist die Beziehung zwischen den beiden? Was geht in ihnen vor? Was ist das für eine Situation, worum geht es hier überhaupt? - Man muss nicht wissen, dass Eva und Borchert Kunststudenten an der Düsseldorfer Akademie waren, wo Bobek einen Lehrstuhl innehatte: Um Biographismen geht es zuallerletzt. Die wirkliche Eva und der wirkliche Borchert stehen lediglich Modell für das, was der Künstler aus ihnen macht: etwas Neues, gänzlich Autonomes.

Vom rauen Wind der Wirklichkeit gegerbt

Wiewohl Eva und Borchert - wir kehren zu der Plastik zurück - sich kennen, ist (noch) keine Vertrautheit zwischen ihnen. Das verrät nicht nur der Nachname im Titel, sondern die Stellung der Figuren zueinander wie auch ihre Körperhaltung. Dass Eva mit dem Rücken zu Borchert steht, muss nicht heißen, dass sie ihm die kalte Schulter zeigt Ihre Haltung - der leicht geneigte Kopf und die gesenkten Augen, die sittsam-elegant vor den Körper gehaltene Tasche und der anmutige Anflug eines Kontraposts der Beine - lassen vielmehr vermuten, dass ihr Borcherts Nähe bewusst und nicht gleichgültig ist.

Und Borcherts igelhaft-lässiges Dastehen sucht vergeblich ein verborgenes Interesse zu kaschieren: Mit ganzer Aufmerksamkeit scheint er auf die( junge Frau bezogen. Traut er sich nur nicht? Die Plastik schafft eine Szene des Wartens (auf einen Bus?) und Harrens (auf ein Zeichen, eine Reaktion des jeweils anderen?). Und lässt im übrigen Platz für mannigfache Spekulationen über das offenbare Geheimnis, das sie selber ist. Eben diese kalkulierte Unbestimmtheit, Deutungsoffenheit macht die Faszination von „Eva und Borchert" aus.

Die beiden Figuren sind nicht idealisiert Wie fast durchgängig im Spätwerk Bobeks scheinen sie unmittelbar aus dem Leben, genauer: dem Alltag gegriffen. Von 1976 bis zu seinem Tod im Jahr 1992 arbeitete der Künstler an dem Projekt „Straße" und „Park". Paare, Passanten: Es entstehen lebensgroße Figuren aus Eisen, die stehen, gehen oder an einer Mauer lehnen; Spaziergänger, die auf der Parkbank sitzen, mitunter liegt ein Hund zu ihren Füßen. Stets erkennt der Betrachter in den ausdrucksvoll-typisierenden Figurenensembles die eigene Wirklichkeit, gar sich selber wieder. Ein situativer Realismus mit expressiven Freiheiten im Formalen.

Denn so wie schon die Torsi des frühen und mittleren Werks Fragilität und Beschädigung indizierten, wirken die Plastiken in der Oberflächenzersplitterung, der zerfurchten und zerklüfteten Außenhaut ausdrucksvoll. Bei aller ohne weiteres erkennbaren Modernität muten Bobeks Figuren nachgerade urzeitlich an: fast saurierhaft. Ihre Haut ist gegerbt vom rauen Wind einer Wirklichkeit, die den Einzelnen zum Spielball des Ganzen degradiert Im Fluss der Zeit sind sie Versehrte und bewahren doch eine eigentümliche Würde.

Höchst plausibel und fruchtbar ist Bobeks Entwurf von Raum als plastischem Baustein und Stimmungsfaktor. Vielleicht ist ihm nirgendwo glänzender als bei „Eva und Borchert" das Kunststück gelungen, durch die bloße Konfiguration Raum anschaulich zu machen, ja zu „erzeugen" - Raum, in den der Betrachter, anders als etwa bei George Segal, wie selbstverständlich einbezogen ist. Raum als künstlerisch entfaltetes Spannungs- und Ausdrucksfeld des Sozialen, auch in der Rezeption.

Manch einer wird das Emmendinger Figurenpaar noch von einem früheren Standort kennen: von 1979 bis 1989 war es als Leihgabe der Galerie Kröner an der Südseite des Breisacher Münsters aufgestellt Jetzt stehen "Eva und Borchert" also fürs erste auf dem Emmendinger Rathausplatz - und als Leihgabe eines Freiburger Privatmanns zum Verkauf. Die geforderte Summe ist moderat, und Platz und Plastik scheinen wie füreinander geschaffen. Die Entscheidung liegt nun bei den Emmendinger Stadtvätern. Dass sie für den Kauf votieren, wäre im Interesse jedes nicht ganz blinden Rathausbesuchers zu wünschen.

Hans-Dieter Fronz



Aus einem an die Öffentlichkeit gerichteten Schreiben, des damalig amtierenden Oberbürgermeisters Ulirich Niemann:

5.2.2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rathausinnenhof steht seit Dezember 2000 die Skulptur des Künstlers Karl Bobek aus dem Jahre 1979. Der derzeitige Besitzer hat sie der Stadt unentgeltlich für eine bestimmte Zeit zur Verfügung gestellt.

Seit diesem Zeitpunkt erfreut sich die Skulptureninstallation einer großen Akzeptanz durch die Rathausbesucher und Gäste der Stadt. Sie findet auch in Fachkreisen höchste Anerkennung sowohl was die künstlerische Qualität der Skulptur als auch den dafür ausgewählten Standort anbelangt. Wir verweisen auf die Besprechung der Kulturredaktion der Badischen Zeitung, die unsere Einschätzung bestätigt.

Die Stadtische Haushaltslage ist derzeit so angespannt, dass der Erwerb des Kunstwerkes allein aus dem Etat nicht möglich sein wird. Gemäß dem Wunsch des Gemeinderates, der sich eindeutig für den Verbleib der Skulptur im Rathaushof ausgesprochen hat, versuchen wir nun mit tatkräftiger Unterstützung der Emmendinger Bürgerschaft, der Geschäftswelt und den hier ansässigen Unternehmen den Ankauf des Kunstwerkes zu realisieren. Unser Ziel ist, dieses bedeutende Kunstwerk der Stadt und damit der Öffentlichkeit zu erhalten.

Unsere Bitte an Sie: Unterstützen Sie uns mit einem Förderbetrag zum Erwerb des Kunstwerkes "Eva und Borchert" von Karl Bobek.

Selbstverständlich würden wir bei einer Unterstützung durch Sie oder durch Ihr Unternehmen dies auf einer Donatorentafel der Öffentlichkeit bekannt machen, sofern das gewünscht wird. Auf Wunsch erhalten Sie auch eine Spendenquittung.

Spendenkonten:
Volksbank Emmendingen-Kaiserstuhl, BLZ: 68092000, Konto: 671002 Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau, BLZ: 68050101, Konto: 20014337. Bitte geben Sie das Stichwort "Eva und Borchert" sowie Ihre Adresse an.





In Verbindung mit diesem Aufruf hat sich eine Bürgeriniative zusammengefunden, der ortsansässige Kunstfreunde und Künstler angehören. Sie bereitet seit einigen Monaten die Veranstaltung der eingangs dieser Präsentation zum Besuch anempfohlenen Versteigerung vor. Diese wird von Norbert Hahn durchgeführt und umfasst Arbeiten historischer und zeitgenössischer Künstler.





Aus Anlass eines Gemeinderatsbeschlusses zur Figurengruppe „Eva und Borchert" von Karl Bobek im Innenhof des Emmendinger Rathauses


Zugespitzt durch die kritische Finanzlage der Stadt ist neuerdings wieder in Frage gestellt, ob diese Figurengruppe überhaupt noch in Emmendingen verbleiben kann. In der Diskussion sind u.a. Gesichtspunkte vorgebracht worden, die ein grundsätzlich mangelndes Verständnis für das Wesen des Kunstwerkes und seines geistigen Ortes in der Gesellschaft Nachkriegsdeutschlands erkennen lassen. Darum sei hier ein Einblick in die Zeitverhältnisse und die sich daraus ergebenden Forderungen skizziert, die den Künstler in seiner Arbeit bestimmten.
Dies geschieht in der Hoffnung, dass der hohe Wert des Werkes auch im gesellschaftlichen Bezug erkennbar werde. Die Gruppe durch besonderes Engagement für Emmendingen zu sichern ist eine schwierige, aber lohnende Aufgabe für jeden, der sich der Bildenden Kunst als im Erdendasein sinnstiftende Instanz verpflichtet fühlt.

Karl Bobek, Jahrgang 1925, als Soldat und Kriegsgefangener vom 18. bis 24. Lebensjahr in seinen wichtigsten Entwicklungsphasen geprägt, hat aufgrund dieser Leidenserfahrung sein künstlerisches Wollen ganz auf die Darstellung seiner Mitmenschen in Würde gerichtet.
Er wurde, hält man von heute aus Umschau im Alten Europa, aus dieser Grundhaltung heraus zu einem der bedeutendsten Plastiker der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts. Sein Werk ist zu sehen als in einer Linie mit Auguste Rodin und Alberto Giacometti stehend, deren künstlerische Größe sicherlich nicht erörtert zu werden braucht.

Karl Bobek gehört jener Altersgruppe an, die als Überlebende nach großdeutschem Irrsinn und unsäglichen Verwüstungen nicht nur des Landes, sondern, und dies war für Künstler besonders gravierend, auch des Bildes vom Menschen, vor der schier nicht zu meisternden Aufgabe standen, vom alten, humanistischen Bild zu retten und ans Licht zu bringen, was die Verschüttung überstanden hatte. Zu tun, als ob nichts geschehen sei, haben sich nur korrupte Könner erlaubt, die den Stil des untergegangenen Reichs mit Erfolg in gewissen Kreisen weiterhin vertreten. Viele andere hatten jedes Vertrauen in die künstlerischen Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit dem Thema Figur verloren und sich der Abstraktion bis zur Gegenstandslosigkeit verschrieben, dem „internationalen Stil" angeschlossen. Erstaunlich wenige wagten es noch, die gewaltige Herausforderung anzunehmen, sich unmittelbar mit dem lebendigen Menschen auseinander zu setzen. Karl Bobeck war einer von diesen.

Zu finden war eine Metapher für den in seiner existentiellen Situation extrem gefährdeten, ausgesetzten Menschen, wie ihn die Geschehnisse der vergangenen Jahrzehnte hinterlassen hatten, die eine Eisenzeit waren. Glatte, geschlossene Oberflächen als tradiertes Gestaltungsmerkmal der Bildhauerei hätten im Widerspruch zur inhaltlichen Vorbelastung der Thematik gestanden. Es ging nicht darum, im Stein Verborgenes herauszuarbeiten: Marmor, Granit waren zu verwerfen. Zu schaffen war ein der Seinswirklichkeit gerecht werdendes Menschenbild, wie ein neuer Adam modelliert aus zueinander gefügter, zur Form addierter Materie, Lehm, Gips, umgegossen in Dauerhaftes: in Eisen, selten in Bronze. So wurde aus dem Arbeitsvorgang und dem Material heraus sichtbar gemacht das die Figur Bedrängende, in sie Eindringende. Der Raum als Repräsentant der Welt wirkt aggressiv auf sie ein. Die Verletzung, das Schrundige wurden zum Kennzeichen dieser ungemein vielschichtigen, humanen Kunst.

Zur Gruppe „Eva und Borchert" selbst hat Hans-Dieter Fronz in seinem Artikel „Der feine Faden einer Beziehung" mit hervorragendem Einfühlungsvermögen das Wesentliche ausgedrückt. Sie steht da vor uns: ein gültiges Wahrbild der condition humaine unserer Zeit.

HM Erhardt
20.02.2004